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Waldorfschulen/Rudolf-Steiner-Schulen (Auszug S. 274-278)
Viele Eltern begrüßen, dass es an Waldorfschulen weder Noten - bis zur Klasse 12 - noch „Sitzenbleiben" gibt. Waldorfpädagogik gilt als kreative Alternative zum Wissenswettbewerb an staatlichen Schulen. Waldorf-Eltern meinen, dass Lernen und Leben in idealer Weise zusammengeführt und eine „Erziehung und Bildung von Kopf, Herz und Hand" geleistet wird. Den Verzicht auf das Konkurrenz- und Leistungsprinzip sehen sie positiv. Für sie ist die Waldorfschule „eine Gesamtschule, die auf Sozialerziehung im Sozialverfall setzt und darüber hinaus die ästhetische Dimension persönlicher Entfaltung in hohem Maße berücksichtigt".[1]
Was ist anders?
„Nicht gefragt soll werden: Was braucht der Mensch zu wissen und zu können für die soziale Ordnung, die besteht - sondern: Was ist im Menschen veranlagt und was kann in ihm entwickelt werden?", verkündete der Anthroposophie-Begründer Rudolf Steiner, der 1919 die erste Waldorfschule ins Leben rief. Er hat nicht nur eine Lehrmethodik entwickelt, sondern ein ganzes anthroposophisches Welt- und Menschenbild, bestehend aus Karma-These, Temperamente-Lehre (auf Hippokrates aufgebaut - die Charaktere werden in cholerisch, sanguinisch, melancholisch und phlegmatisch gegliedert) und Entwicklungstheorien. Heute erscheinen diese Gedankengänge vielen nicht verquer-lächerlich und überholt, sondern als heilsamer Gegenentwurf zu unserer problembehafteten Leistungs- und Konsumgesellschaft.
Was läuft denn praktisch anders?
Eine Selektion der Kinder nach Schularten findet nicht statt, aber alle Abschlüsse können bei den „Waldis" erworben werden. Als ungünstig wird eine „verfrühte" kognitive Förderung angesehen: Waldorfschüler werden erst mit sieben Jahren eingeschult. Das systematische Lesen und Schreiben beginnt erst in Klasse 2, selbstständiges Verfassen kleiner Aufsätze nicht vor Klasse 4. Gut für Spätentwickler, die Cleveren leiden aber meiner Erfahrung nach und verlassen oft frustriert die Waldorfschulen.
Das tägliche - möglichst sinnliche - Lernen besteht aus einer Mischung von Andacht und Aktion in der Unter- und Mittelstufe arbeiten die Kinder in aller Regel ohne Schulbücher.
Epochenunterricht - die mehrwöchige Behandlung eines Stoffgebietes - und die individuellen Lehrpläne der Klassen, die sich an den Entwicklungsstufen der Kinder ausrichten sollen, werden von den Klassenlehrern gestaltet. Die Klassenlehrer begleiten ihre Schüler in den ersten acht Schuljahren und unterrichten nahezu alle Fächer. Ein besonderes Gewicht liegt auf Musik, Handwerk, Theater und dem Besuch sozialer Einrichtungen auch in der Oberstufe.
Von den Eltern wird Engagement erwartet: Klassenzimmer renovieren, Teilnahme an den alle zwei Monate statt findenden Elternabenden, Ausflüge organisieren und eigene Qualifikationen einbringen. Dafür haben die Eltern ein Mitbestimmungsrecht in organisatorischen und finanziellen Belangen. Das anthroposophische Waldorfprinzip soll in die Elternhäuser hineinwirken, Hausbesuche von Lehrern sind nicht ungewöhnlich.
Und die Kritik?
Lassen Sie mich einmal länger einen Fachmann, Wolfgang Schwark, langjähriger Rektor der Pädagogischen Hochschule Freiburg,[2] zitieren: Die Waldorf-Eltern „befürworten eine Schule, die eine optimierte Lebenswelt abbildet und in der sich Kinder zuallererst wohl fühlen. Unterrichtskonzepte stehen nicht im Mittelpunkt des Interesses. Bei den Fachleuten ist das genau umgekehrt. Sie betrachten hauptsächlich den Unterricht an Waldorfschulen, heben auf dessen didaktische und methodische Struktur ab." Und deren „Urteil ist einhellig: Es herrscht Frontalunterricht vor, das mechanische Lernen dominiert. Selbstorganisiertes und aufgabenorientiertes Lernen, das auf Verstehen abzielt, findet zu selten statt. Die Individualisierung des Unterrichts ist Anspruch und nicht Wirklichkeit, was bei 40 Kindern pro Klasse auch kaum überrascht. Der Epochenunterricht ... scheint in der Praxis den selbst gesetzten Anspruch auch nur bedingt einzulösen ... Wegen der fehlenden Wiederholung im Anschluss an die Epochen, scheinen die Schülerinnen und Schüler sehr vieles rasch zu vergessen und eine beträchtliche Anzahl von Lehrerinnen und Lehrern ist vermutlich damit überfordert, ein Thema über mehrere Wochen gut vorbereitet und spannend zu unterrichten. Der weitgehende Verzicht auf Schulbücher, die im herkömmlichen Unterricht die notwendige inhaltliche Orientierung gewährleisten und der Rückzug auf das Anfertigen von Epochenheften kompliziert die Situation."[3] Eltern fordern mancherorts den Verzicht auf Samstagsunterricht, den vermehrten Einsatz von Schulbüchern und die Intensivierung des Fremdsprachenunterrichts oder die Verkürzung der Klassenlehrerphase auf sechs Jahre. Häufig wird der besonders beschwerliche Endspurt zum Schulabschluss beklagt, viele Kinder wünschen sich Noten. Kritiker bemängeln, dass weiterhin die übersinnlichen Erkenntnisse Rudolf Steiners den Unterricht prägen, die Schüler würden systematisch unterfordert. Aussteiger berichten von teilweise sektenähnlichen Zuständen.[4]
Der „Bund der freien Waldorfschulen" widerspricht der Einschätzung der Schulen als „Weltanschauungsschulen". Aktuell verweist er online auf eine nationale Sondererhebung im Rahmen der PISA-Studie Naturwissenschaften 2006, die vom österreichischen Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (Bifie) in Wien vorgelegt worden ist. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass „Freude am Lernen" und „allgemeines Interesse an Naturwissenschaften" bei den Waldorfschülern sehr hoch ausgeprägt sind. Mit beiden Merkmalen lägen die Waldorfschulen sowohl über den Ergebnissen der staatlichen Schulen in Österreich als auch über dem OECD-Mittelwert für alle Länder. Der Bericht des Bundesinstituts bescheinige den Waldorfschulen eine im Vergleich zu den Regelschulen „vorbildliche Unterrichtspraxis", da Experimente und die Anwendung des Gelernten im Vordergrund stünden. (Die Ergebnisse der PISA-Tests wurden für die Waldorfschulen in Deutschland nicht gesondert ausgewiesen.) Kritische Darstellungen der Unterrichtsqualität seien nicht repräsentativ.[5]
Trotz aller Kritik: Der Run auf die anthroposophisch-ausgerichteten Schulen ist ungebrochen. 1990 gab es bundesweit 112 Waldorfschulen, im April 2009 waren es 213 Schulen. Die Anmeldungen übersteigen das Angebot - obwohl an vielen Schulen die Klassen immer noch sehr groß sind. Dafür ist das Schulgeld vergleichsweise günstig: Sechs Prozent des Bruttoeinkommens werden angestrebt, aufgrund von Unstimmigkeiten wird aber oft eine monatliche Pauschale (150-200 Euro) festgesetzt. Jede Waldorfschule ist autonom und agiert weitgehend unkontrolliert. Entsprechend unterschiedlich ist die Ausrichtung der Schulen: Von orthodox-anthroposophisch bis modern.
Waldorflehrerinnen und -lehrer müssen übrigens mit knappem Salär auskommen. Der Landesrechnungshof Schleswig-Holstein berichtete:[6] Lehrkräfte an Waldorfschulen verdienen „zwischen rund 9 Prozent und 21 Prozent" weniger als eine „Gesamtschullehrkraft im Angestelltenverhältnis (BAT IIa)" und unter den Lehrern sind viele Quereinsteiger ohne Lehramtsstudium.
[1] Prof. Wolfgang Schwark, vormals Rektor der Pädagogischen Hochschule Freiburg, in seiner Rezension der SWR-Dokumentation "Wie gut sind Waldorfschulen?" (ausgestrahlt am 6. November 2006 und am 12. Februar 2007), online: www.lehrerverband.de/waldorfrez.htm.
[2] W. Schwark, ebd.
[3] W. Schwark, ebd.
[4] Nach einem Film über die Waldorfschulen von D. Krauß, ausgestrahlt vom SWR am 6. November 2006. Zur Kritik s.a. www.2.hu-berlin.de/gkgeschlecht/anthro.php#oben.
[5] Pressemitteilung unter www.waldorfschule.info/de/presse/.
[6] Bemerkungen 2004 des Landesrechnungshofes Schleswig-Holstein mit Bericht zur Landeshaushaltsrechnung 2002, Kiel, 30.3.2004, S. 276.
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